15 Uhr! Es ist …

Kategorie: Weihnachtsgedichte

15 Uhr! Es ist soweit.
Es bleibt noch eine Stunde Zeit,
um sie zu finden, all die tollen
Geschenke, die sie haben wollen,
all die Verwandten, Freunde, Lieben,
die bestimmt schon gegen sieben
vom Fonduetisch sich erheben.
Denn jetzt wollen sie erleben,
wie die großen und die kleinen
Kinder voller Freude weinen,
wenn sie das in Händen halten,
was die Großen (für sie: Alten)
in Geschenkpapier verschlossen.
Und sind die Tränen erst vergossen,
bleibt Zeit noch für die Weihnachtsgeschichte,
für Lieder, Krippenspiel, Gedichte
und für Familienglück im Stall.
Es funkelt, glitzert überall
und selbst die Kleinsten dürfen heute
nachts wach sein wie die großen Leute.
Nur der Weihnachtspunsch im Glas
macht ausschließlich den Großen Spaß.
Und ist der Abend dann zu Ende,
reichen alle sich die Hände,
denken noch an Jesus Christ,
bis nächste Woch Silvester ist.

Autor: Paul Piepenbrick (weihnachtsgruesse.online)

Ausführliche Interpretation des Gedichts

Paul Piepenbricks Gedicht zeichnet kein idealisiertes, stilles Weihnachtsbild, sondern fängt den hektischen Countdown bis zum Festabend ein. Es beginnt mit einer präzisen Zeitangabe – "15 Uhr!" – die sofort Spannung und einen gewissen Druck erzeugt. Die verbleibende Stunde bis zum Eintreffen der Gäste wird zur Metapher für die letzte Aufholjagd nach den "tollen Geschenken". Der Dichter beschreibt mit feiner Ironie das soziale Pflichtprogramm: die "Verwandten, Freunde, Lieben", die pünktlich "vom Fonduetisch sich erheben". Dieses detailreiche Bild verankert das Gedicht in einer sehr konkreten, fast schon profanen Festrealität.

Der Kern der Interpretation liegt in der ambivalenten Darstellung der Bescherung. Die "Freude" der Kinder äußert sich im "Weinen", eine realistische Beobachtung überwältigender Emotionen. Die Geschenke sind von den "Großen (für sie: Alten)" ausgewählt und in Papier "verschlossen" – ein Hinweis auf die wohlmeinende, aber manchmal auch entfremdete Geste des Schenkens. Erst nach diesem emotionalen Höhepunkt ("sind die Tränen erst vergossen") kommt Raum für die traditionellen, besinnlichen Elemente wie "Weihnachtsgeschichte" und "Krippenspiel". Diese Reihenfolge ist bezeichnend: Das Materielle und Emotionale geht der Spiritualität voraus.

Ein weiteres zentrales Motiv ist die aufgehobene Ordnung. "Selbst die Kleinsten dürfen heute / nachts wach sein wie die großen Leute." Diese Ausnahme von der Regel gehört zum magischen Reiz des Festes. Doch es gibt eine klare Grenze: Der "Weihnachtspunsch im Glas / macht ausschließlich den Großen Spaß." Hier etabliert der Autor eine humorvolle Trennlinie zwischen den Generationen. Der Schluss des Gedichts ist ebenso schnörkellos wie der Anfang. Nach dem Händereichen und dem kurzen Gedanken an "Jesus Christ" folgt unmittelbar der Blick auf "nächste Woch Silvester". Das Fest erscheint so als ein intensiver, aber zeitlich klar begrenzter Ausnahmezustand im Fluss des Alltags.

Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?

Das Gedicht erzeugt eine lebendige, warmherzige und zugleich entspannt ironische Stimmung. Es ist keine feierliche Andacht, sondern die Schilderung eines lebendigen Familienchaos, das mit liebevollem Augenzwinkern betrachtet wird. Die Hektik der Vorbereitung ("Es bleibt noch eine Stunde Zeit") weicht der erwartungsvollen Spannung vor der Bescherung und schließlich der ausgelassenen, gemeinsamen Freude ("Es funkelt, glitzert überall").

Ein Grundton der Vertrautheit und Zugehörigkeit durchzieht die Verse. Der Dichter beschreibt keine perfekte Idylle, sondern einen realen, etwas schrillen, aber herzlichen Familienabend. Die Stimmung ist dabei nie zynisch oder abwertend, sondern voller Sympathie für die menschlichen Schwächen und Freuden in dieser besonderen Nacht. Die abschließenden Zeilen verleihen dem Ganzen eine gelassene, fast schon weise Note, die den kurzen, kostbaren Moment des "Familienglücks" anerkennt, ohne ihn zu überhöhen. Man fühlt sich als Leser wie ein stiller, willkommener Gast in dieser Runde.

Ist das Gedicht zeitgemäß?

Absolut. Die von Piepenbrick beschriebene Dynamik ist heute vielleicht sogar noch relevanter. Der letztminütige Geschenkestress ("um sie zu finden, all die tollen / Geschenke, die sie haben wollen") hat im Online-Handel und der allgemeinen Beschleunigung des Lebens sicherlich nicht nachgelassen. Das Gedicht wirft universelle Fragen auf: Wie balancieren wir materiellen und besinnlichen Festinhalt? Wie schaffen wir es, in der Hektik der Vorbereitung wirklich im Moment anzukommen und das "Familienglück im Stall" – oder im heimischen Wohnzimmer – zu spüren?

Die humorvolle Darstellung des Generationenunterschieds (Kinder weinen vor Freude, Erwachsene genießen den Punsch) ist zeitlos. Auch die schnelle Abfolge von Weihnachten zu Silvester spiegelt unser modernes Empfinden wider, wo Feiertage oft als dicht getaktete Ereignisse im Kalender stehen. Das Gedicht bestätigt uns in unserem modernen, unperfekten Weihnachtserlebnis und entlarvt sanft den Druck, alles müsse makellos und tiefsinnig sein. Es ist ein tröstliches Gedicht für alle, deren Fest auch aus Fondue, Geschenkpapier und einem kurzen Innehalten besteht.

Für welchen Anlass eignet sich das Gedicht?

Dieses Gedicht ist die perfekte Ergänzung für den Weihnachtsabend selbst, und zwar genau in der beschaulichen Phase nach der Bescherung und vor dem Essen. Vorgetragen in der Familie, löst es sicherlich Schmunzeln und zustimmendes Nicken aus, weil es die gerade erlebten Situationen so treffend auf den Punkt bringt. Es eignet sich auch hervorragend für humorvolle Weihnachtskarten oder -newsletter an Freunde und Verwandte, die den eigenen, nicht immer besinnlichen Festalltag teilen.

Darüber hinaus ist es ein idealer Text für lockere Weihnachtsfeiern im Freundes- oder Kollegenkreis, wo man über die Tücken und Freuden der Festtage plaudern möchte. Es kann als charmante, unprätentiöse Einstimmung auf die Feiertage dienen, ohne den moralischen Zeigefinger zu erheben. Für literarische Adventsrunden oder Weihnachtslesungen bietet es einen erfrischenden, bodenständigen Kontrast zu klassischer, pathetischerer Weihnachtslyrik.

Für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?

Die Zielgruppe des Gedichts sind vor allem Erwachsene und Jugendliche, die bereits eigene Weihnachtserfahrungen aus der Perspektive der Planenden und Schenkenden gesammelt haben. Sie werden die subtile Ironie und die liebevolle Beobachtung der familiären Rituale vollständig erfassen und genießen können. Jugendliche ab etwa 14 Jahren, die sich in der Übergangsphase vom beschenkten Kind zum teilnehmenden "Großen" befinden, können die beschriebenen Rollen besonders gut nachvollziehen.

Auch für Kinder im Grundschulalter ist das Gedicht aufgrund seines eingängigen Rhythmus und der konkreten Bilder (Geschenke, Tränen, Funkeln, wach bleiben) verständlich und ansprechend. Sie erkennen ihre eigene Aufregung und die besonderen Ausnahmen der Heiligen Nacht darin wieder. Die letzte Tiefe der ironischen Zwischentöne erschließt sich ihnen natürlich noch nicht, doch die grundlegende, freudige Stimmung kommt an.

Für wen eignet sich das Gedicht weniger?

Für Leser, die ausschließlich nach traditioneller, frommer und besinnlicher Weihnachtslyrik suchen, könnte dieses Gedicht zu profan und zu wenig spirituell erscheinen. Die nüchterne Erwähnung von Jesus Christus am Ende, fast als eine von vielen Pflichten im Ablauf, könnte in streng religiösen Kreisen auf Unverständnis stoßen. Wer ein Gedicht für einen feierlichen Gottesdienst oder eine stille Adventsandacht sucht, wird hier nicht fündig werden.

Ebenso eignet es sich weniger für Menschen, die den Kommerz und die Hektik rund um Weihnachten vollständig ablehnen und eine reine Kritik daran erwarten. Piepenbricks Werk ist keine Anklage, sondern eine liebevolle Annahme der Festrealität mit all ihren Widersprüchen. Wer also eine scharfe gesellschaftskritische Abrechnung mit dem Weihnachtstrubel sucht, sollte zu einem anderen Text greifen. Das Gedicht feiert das Unperfekte und findet darin seinen ganz eigenen Zauber.

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