Morgen kommt der …

Kategorie: Weihnachtsgedichte

Morgen kommt der Weihnachtsmann,
Kommt mit seinen Gaben.
Trommel, Pfeife und Gewehr,
Fahn und Säbel und noch mehr,
Ja ein ganzes Kriegesheer,
Möcht' ich gerne haben.

Bring' uns, lieber Weihnachtsmann,
Bring' auch morgen, bringe,
Musketier und Grenadier,
Zottelbär und Panthertier,
Ross und Esel, Schaf und Stier,
Lauter schöne Dinge.

Doch du weißt ja unsern Wunsch,
Kennest unsere Herzen.
Kinder, Vater und Mama,
Auch sogar der Großpapa,
Alle, alle sind wir da,
Warten dein mit Schmerzen.

Autor: August Heinrich Hoffmann von Fallersleben

Ausführliche Interpretation des Gedichts

Hoffmann von Fallerslebens Gedicht "Morgen kommt der Weihnachtsmann" präsentiert sich auf den ersten Blick als fröhlicher Kinderwunschzettel in Reimen. Bei genauerer Betrachtung offenbart es jedoch eine tiefere, fast verstörende Ebene. Der Sprecher, vermutlich ein Kind, wünscht sich nicht nur Spielzeug, sondern eine bemerkenswert kriegerische Auswahl: "Trommel, Pfeife und Gewehr, Fahn und Säbel und noch mehr, Ja ein ganzes Kriegesheer". Diese Aufzählung wirkt wie eine Parodie auf militärisches Spielzeug und reflektiert vielleicht zeitgenössische Erziehungsideale des 19. Jahrhunderts, die auf Disziplin und Vaterlandsliebe setzten.

Die zweite Strophe weitet den Wunschkatalog auf Tiere aus, die wiederum in einer seltsamen Mischung erscheinen: "Musketier und Grenadier" stehen direkt neben "Zottelbär und Panthertier". Diese Kombination von Militärischem und Exotischem zeigt eine kindliche, unreflektierte Begeisterung für alles Spektakuläre und Mächtige. Die entscheidende Wendung kommt in der letzten Strophe. Plötzlich wird der materielle Wunschkatalog beiseitegeschoben. "Doch du weißt ja unsern Wunsch, Kennest unsere Herzen" deutet an, dass das eigentliche Geschenk nicht in den aufgezählten Dingen liegt. Der wahre Wunsch ist die Zusammenkunft der ganzen Familie – "Kinder, Vater und Mama, Auch sogar der Großpapa" – und die sehnsüchtige Erwartung ("Warten dein mit Schmerzen") auf den Weihnachtsmann als Bringer dieser gemeinsamen, festlichen Freude. Das Gedicht endet also mit einer überraschenden Hinwendung zum Emotionalen und Familären, die die zuvor genannten Gaben relativiert.

Biografischer Kontext des Autors

August Heinrich Hoffmann, der sich nach seiner Heimatstadt von Fallersleben nannte, ist eine der schillerndsten Figuren der deutschen Literaturgeschichte. Geboren 1798, ist er uns heute vor allem als Dichter der deutschen Nationalhymne ("Lied der Deutschen") bekannt. Er war jedoch kein nationalistischer Hardliner, sondern ein liberaler Demokrat, Germanist und passionierter Sammler von Volksliedern. Seine politischen Ansichten brachten ihn in Konflikt mit den Obrigkeiten, er verlor seine Professur und wurde aus mehreren deutschen Staaten ausgewiesen.

Vor diesem Hintergrund gewinnt das Weihnachtsgedicht eine zusätzliche Dimension. Hoffmann von Fallersleben verstand sich als Volkserzieher. Seine vielen Kinderlieder (wie "Alle Vögel sind schon da" oder "Ein Männlein steht im Walde") sollten belehren und unterhalten. Die scheinbar naive Aufzählung kriegerischen Spielzeugs könnte auch eine versteckte Kritik an einer Erziehung sein, die bereits Kinder auf Konfrontation und Kampf einstimmt. Sein Werk zeichnet sich oft durch eine liebevolle, aber nicht unkritische Hinwendung zur Welt der Kinder aus. Das plötzliche Betonen des familiären Zusammenhalts am Ende des Gedichts passt perfekt zu seinem Ideal eines warmherzigen, menschlichen Miteinanders, das er in einer von politischen Spannungen geprägten Zeit vielleicht als besonders wichtig erachtete.

Welche Stimmung erzeugt das Gedicht?

Das Gedicht erzeugt eine gemischte, sich wandelnde Stimmung. Es beginnt mit überschäumender, fast hektischer Vorfreude. Der rhythmische, marschartige Trochäus ("Morgen kommt der Weihnachtsmann") und die sich steigernde Aufzählung vermitteln pure kindliche Aufregung und ungezügelte Begehrlichkeit. Diese Stimmung ist ansteckend und lebhaft.

Durch die Nennung der Kriegsspielzeuge schleicht sich jedoch ein unerwarteter, beunruhigender Unterton ein. Die Stimmung wird für den erwachsenen Leser etwas befremdlich oder nachdenklich. In der letzten Stufe vollzieht sich dann eine berührende Entschleunigung. Die Stimmung wechselt von äußerlicher Gier zu innerlicher, sehnsuchtsvoller Erwartung. Das "Warten mit Schmerzen" ist keine negative Qual, sondern die intensive, schöne Anspannung vor einem beglückenden Ereignis. Die finale Stimmung ist daher warm, familiär und auf das Wesentliche konzentriert – die Gemeinschaft. Der Leser durchläuft also mit dem Gedicht eine emotionale Entwicklung von ausgelassener Freude über leichtes Stirnrunzeln hin zu herzlicher Rührung.

Ist das Gedicht zeitgemäß?

Absolut, und das in mehrfacher Hinsicht. Zunächst wirft es die immer aktuelle Frage nach "angemessenem" Spielzeug auf. Sollen Kinder mit Spielzeugsoldaten oder Spielzeugwaffen spielen? Die Debatte über den Einfluss solcher Spielzeuge auf die Entwicklung ist heute so relevant wie im 19. Jahrhundert. Das Gedicht stellt diese Frage indirekt, ohne sie zu beantworten, und lädt so zur Reflexion ein.

Zweitens thematisiert es auf meisterhafte Weise den Gegensatz zwischen materiellen Wünschen und emotionalen Bedürfnissen. In einer Zeit des konsumorientierten Weihnachtsfests, in dem Wunschlisten oft lang und teuer sind, erinnert der Schluss des Gedichts daran, dass das größte Geschenk oft die ungeteilte Zeit und Aufmerksamkeit der Familie ist. Die kritische Liste der Wünsche kann als Kommentar auf überbordenden Konsum gelesen werden. Schließlich ist die Grundstimmung der sehnsüchtigen Vorfreude auf das Fest zeitlos. Jeder, der als Kind auf Weihnachten gewartet hat, kann den emotionalen Kern des Gedichts sofort nachempfinden. Es verbindet so historische Distanz mit unmittelbarer Gefühlsnähe.

Für welchen Anlass eignet sich das Gedicht?

Das Gedicht eignet sich in erster Linie natürlich für die Vorweihnachtszeit. Es ist perfekt zum Vortragen in der Familie am Advent, in der Kita oder in der Grundschule, um über Weihnachtswünsche zu sprechen. Sein ungewöhnlicher Inhalt macht es aber auch zu einem hervorragenden Diskussionsimpuls für ältere Gruppen, etwa im Deutsch- oder Geschichtsunterricht, um über gesellschaftliche Werte, Spielzeugkultur oder die Interpretation von Literatur zu debattieren.

Aufgrund seiner historischen Tiefe und seiner literarischen Qualität passt es auch gut in literarische Adventslesungen oder Weihnachtsfeiern von Buchclubs oder kulturhistorischen Vereinen. Es bietet mehr Substanz als ein reines "Gedichtchen" und kann als Ausgangspunkt für ein Gespräch über das Weihnachtsfest im Wandel der Zeit dienen. Man kann es sogar als pointierten Beitrag in einer Predigt oder Ansprache verwenden, die den materiellen Aspekt des Festes hinterfragt.

Für welche Altersgruppe eignet sich das Gedicht?

Das Gedicht besitzt eine seltene Doppeltauglichkeit. Für Kinder im Vor- und Grundschulalter (ca. 4-8 Jahre) funktioniert es als eingängiges, rhythmisches Reimgedicht über den Weihnachtsmann und Geschenke. Sie freuen sich über die Aufzählungen und die erkennbare Vorfreude. Die kriegerischen Elemente nehmen sie oft einfach als "coole" Dinge wahr, ohne sie zu hinterfragen, und der Schluss mit der ganzen Familie ist für sie selbstverständlich und schön.

Für Jugendliche und Erwachsene erschließt sich eine ganz andere Ebene. Sie können die ironische oder kritische Note in der Wunschliste erkennen, den historischen Kontext verstehen und die subtile Botschaft über die wahren Werte von Weihnachten schätzen. Für diese Altersgruppe ist das Gedicht ein kleines, kunstvolles Zeitdokument, das zum Schmunzeln und Nachdenken anregt. Es ist also ein Gedicht, das mit seinem Leser "mitwächst".

Für wen eignet sich das Gedicht weniger?

Das Gedicht eignet sich weniger für Menschen, die nach einer ausschließlich besinnlichen, friedvoll-harmonischen und unkritischen Weihnachtslektüre suchen. Wer eine reine Idylle erwartet, könnte durch die Erwähnung von "Gewehr", "Säbel" und "Kriegesheer" irritiert oder abgeschreckt sein. Es ist kein Gedicht, das man bedenkenlos als reine Stimmungsmache vorträgt, ohne auf seinen eigenwilligen Inhalt angesprochen zu werden.

Ebenso ist es für sehr junge Kinder, die noch kein Verständnis für Metaphern oder historische Unterschiede haben, möglicherweise nicht ideal als erstes oder einziges Weihnachtsgedicht, da die kriegerischen Bilder unkommentiert stehen bleiben. Menschen, die mit der deutschen Literatur- oder Geistesgeschichte des 19. Jahrhunderts gar nichts anfangen können, werden zudem den biografischen und zeitkritischen Mehrwert des Textes nicht vollständig erfassen. Für sie bleibt es vielleicht ein etwas seltsam anmutendes, historisches Kuriosum.

Mehr Weihnachtsgedichte

Als Amazon-Partner verdienen wir an qualifizierten Käufen.